Die Arthrose-Formel: Warum bei Arthrose das Zusammenspiel entscheidet

Sieben Bausteine, ein 100-Tage-Plan und ein Ziel: Schmerzen, Entzündung und Einschränkungen nicht einfach hinnehmen, sondern systematisch beeinflussen.

Inhaltsverzeichnis

Nicht die eine Maßnahme – sondern eine Formel

Bei Arthrose suchen viele Betroffene nach der einen Lösung: einer bestimmten Übung, einem Lebensmittel, einem Medikament oder einer Spritze. Dass dieser Ansatz wenig vielversprechend ist, zeigt Prof. Dr. Gert Krischak in seinem neuen Buch „Die Arthrose-Formel“ - und widerspricht damit der Vorstellung, ein einzelner Baustein könne ein komplexes Krankheitsgeschehen allein verändern.

Arthrose betrachtet er dabei aus zwei Perspektiven: als Orthopäde mit jahrzehntelanger klinischer Erfahrung und als Wissenschaftler, der medizinische Empfehlungen auf ihre Belastbarkeit prüft. Sein Buch ist deshalb weder eine Sammlung schneller Versprechen noch ein weiterer allgemeiner Arthrose-Ratgeber. Es ist ein Wegweiser, der erklärt, welche Stellschrauben tatsächlich beeinflussbar sind und wie daraus ein persönlicher Plan entstehen kann.

Arthrose ist nicht einfach "abgenutzter Gelenkknorpel"

Die weit verbreitete Verschleiß-Erzählung klingt zunächst logisch: Ein Gelenk wird über Jahre benutzt, der Knorpel nutzt sich ab, Schmerzen und eine Operation sind irgendwann dann unvermeidlich. Dieses Bild greift jedoch zu kurz. Arthrose entsteht und verläuft in einem Zusammenspiel aus mechanischer Belastung, Muskulatur, Stoffwechsel, Körpergewicht, Alterungsprozessen und niedriggradiger Entzündung.

Dieser Ansatz aber verändert die Perspektive grundlegend. Wer Arthrose als irreparablen Schaden versteht, schont sich zwangsläufig aus Angst vor weiterer Abnutzung. Doch gerade dieser Rückzug kann Beweglichkeit, Muskelkraft und Belastbarkeit weiter verringern. Das Buch vermittelt deshalb eine zentrale Botschaft: Menschen mit Arthrose können selbst entscheidend zum Verlauf ihrer Beschwerden beitragen. Wer Verantwortung für die eigene Behandlung übernimmt und mit den richtigen, wissenschaftlich begründeten Maßnahmen konsequent und langfristig ansetzt, kann Schmerzen, Funktion und Lebensqualität wirksam beeinflussen.

Sieben Bausteine, die ineinandergreifen

Die Arthrose-Formel besteht aus sieben wissenschaftlich begründeten Bausteinen:

  • Gewichtsabnahme
  • Mobilität im Alltag erhöhen
  • Sportliche Aktivität gezielt einsetzen
  • Bewegungsübungen durchführen
  • Entzündungshemmende Ernährung integrieren
  • Schmerzmittel gezielt einsetzen - wenn nötig
  • Medikamentöse Entzündungshemmung nutzen

Die Reihenfolge ist dabei kein Ranking. Der Kern der Formel liegt im Zusammenspiel - weniger Schmerz kann Bewegung wieder ermöglichen. Bewegung verbessert Kraft, Funktion und Belastbarkeit. Ein günstigeres Körpergewicht entlastet Gelenke und kann entzündliche Einflüsse reduzieren. Eine passende Ernährung ergänzt diesen Ansatz. So entsteht aus einzelnen Maßnahmen eine aufeinander abgestimmte konservative Behandlung.

Bewegung beginnt lange vor dem Sport

"Mehr bewegen" ist leicht gesagt. Für Menschen mit Arthrose hilft dieser Rat nur bedingt, vor allem wenn Schmerzen, Unsicherheit oder lange Inaktivität den Einstieg schwer machen. Die Arthrose-Formel unterscheidet deshalb bewusst zwischen Mobilität im Alltag, sportlicher Aktivität und konkreten Bewegungsübungen.

Alltagsbewegung bedeutet dabei, Sitzzeiten zu unterbrechen, Wege aktiv zurückzulegen und Bewegung wieder selbstverständlich werden zu lassen. Sport setzt einen gezielten Trainingsreiz für Ausdauer und Leistungsfähigkeit. Spezifische Übungen verbessern Beweglichkeit, Kraft und die Kontrolle des betroffenen Gelenks. Welche Belastung passt, hängt von Gelenk, Beschwerden, Trainingszustand und möglichen Begleiterkrankungen ab. Entscheidend ist nicht maximale Intensität, sondern eine gut dosierte, regelmäßig wiederholte Belastung.

Gewicht und Ernährung: mehr als eine Frage der Gelenklast

Bei Übergewicht tragen die Gelenke mehr mechanische Last. Das ist jedoch nur ein (sehr geringer) Teil der Geschichte. Denn Fettgewebe ist vor allem stoffwechselaktiv und kann Botenstoffe freisetzen, die niedriggradige Entzündungsprozesse fördern. Gewichtsabnahme reduziert deswegen weniger die Belastung, als vor allem entzündliche Einflüsse.

Auch die entzündungshemmende Ernährung wird im Buch nicht als kurzfristige Diät oder Liste einzelner "Superfoods" verstanden. Im Mittelpunkt steht ein dauerhaftes Ernährungsmuster mit vielen pflanzlichen Lebensmitteln, günstigen Fettquellen und möglichst wenig stark verarbeiteten Produkten. Ernährung ersetzt dabei allerdings keine Therapie. Sie kann aber zu einem Umfeld beitragen, in dem die übrigen Bausteine besser greifen.

Quelle: dtv, Die Arthrose-Formel, S. 86, Abb. 29

Schmerz behandeln, damit Aktivität wieder möglich wird

Schmerzmittel und medikamentöse Entzündungshemmung gehören zur Formel, obwohl der Schwerpunkt auf eigenem Handeln liegt. Der Grund hierfür: Starke Schmerzen können genau die wichtige Bewegung verhindern, die für Kraft, Funktion und Belastbarkeit benötigt wird. Medikamente sind daher weder grundsätzlich gut noch grundsätzlich schlecht. Richtig ausgewählt, dosiert und zeitlich begrenzt können sie ein wichtiges therapeutisches Fenster öffnen.

Das Buch ordnet Nutzen und Risiken ein und zeigt, warum eine individuelle ärztliche Abstimmung wichtig ist - insbesondere bei Begleiterkrankungen, weiteren Medikamenten oder länger anhaltenden Beschwerden.

Gelenkinjektionen und PRP: mögliche Ergänzung, aber kein Ersatz für die Basistherapie

Ein eigenes Kapitel widmet sich der Frage, was Gelenkinjektionen leisten können. Besonders betrachtet wird die Eigenbluttherapie mit plättchenreichem Plasma, kurz PRP. Dabei wird aus dem eigenen Blut ein konzentrierter Anteil mit Blutplättchen gewonnen und in das betroffene Gelenk injiziert.

Für PRP liegen vor allem bei leichter bis mittelgradiger Kniearthrose ermutigende Ergebnisse zur Linderung von Schmerzen und zur Verbesserung der Gelenkfunktion vor. Gleichzeitig unterscheiden sich Aufbereitung, Dosierung und Studien deutlich. Ein Wiederaufbau von verlorenem Knorpel ist nicht belegt. PRP ist deshalb keine Abkürzung an Bewegung, Training und Gewichtsmanagement vorbei. Es kann im Einzelfall eine ergänzende Option sein, wenn beispielsweise eine bessere Symptomkontrolle die aktive Therapie erleichtert. Die Entscheidung sollte immer nach ärztlicher Beratung, mit realistischen Erwartungen und unter Berücksichtigung der Kosten getroffen werden.

Quelle: dtv, Die Arthrose-Formel, S. 134, Abb. 32

Fortschritt sichtbar machen: der Arthrose-Kontroll-Test (ACT)

Wer eine Behandlung beginnt, möchte wissen, ob sie etwas verändert. Ein Röntgenbild beantwortet diese Frage nur begrenzt, denn es bildet nicht zuverlässig ab, wie stark Schmerzen, Einschränkungen und Lebensqualität im Alltag erlebt werden.

Für diese Verlaufsbeobachtung hat Prof. Dr. Gert Krischak den Arthrose-Kontroll-Test (ACT) entwickelt. Er erfasst Beschwerden und deren Folgen aus Sicht der Betroffenen. Es gibt Varianten für die untere Extremität (ACT-UE), die obere Extremität (ACT-OE) und die Wirbelsäule (ACT-WS). Im 100-Tage-Plan wird der Test zu Beginn, im Verlauf und am Ende eingesetzt. Der ACT ersetzt weder Diagnose noch ärztliche Untersuchung. Er hilft aber, Veränderungen strukturiert wahrzunehmen, statt den Erfolg nur nach der Tagesform zu beurteilen.

Für wen ist das Buch gedacht?

Das Buch richtet sich an Menschen mit Arthrose, die ihre Erkrankung besser verstehen und selbst aktiv werden möchten - unabhängig davon, ob die Diagnose neu ist oder Beschwerden schon länger bestehen. Auch Angehörige sowie Menschen, die beruflich mit Bewegung, Therapie und Rehabilitation zu tun haben, erhalten einen verständlichen Einblick in die Logik moderner konservativer Behandlung.

Wer eine schnelle Wunderlösung sucht, wird sie in diesem Buch nicht finden. Wer dagegen wissen möchte, welche Maßnahmen sinnvoll sind, wie sie zusammenwirken und wie daraus ein umsetzbarer Weg werden kann, findet einen wissenschaftlich fundierten und zugleich alltagsnahen Begleiter.

Konservativ behandeln heißt nicht, Operationen grundsätzlich abzulehnen

"Die Arthrose-Formel" ist ein Plädoyer dafür, die Möglichkeiten der konservativen Therapie konsequent auszuschöpfen. Sie ist kein Versprechen, dass jede Operation vermeidbar ist. Ein Gelenkersatz kann bei fortgeschrittener Arthrose und anhaltend hohem Leidensdruck die richtige Entscheidung sein.

Eine gute und auch richtige Entscheidung braucht jedoch mehr als ein Röntgenbild. Sie berücksichtigt Beschwerden, Funktionsverlust, persönliche Ziele und die Frage, welche nicht operativen Maßnahmen bereits ausreichend lange und systematisch eingesetzt wurden. Genau dabei möchte das Buch Orientierung geben.

Unser Autor

Prof. Dr. med. Gert Krischak, Chefarzt Orthopädie im ZAR Friedrichshafen
Prof. Dr. med. Gert Krischak
Chefarzt ZAR Friedrichshafen

ZAR Friedrichshafen
Spatenstraße 12, 88046 Friedrichshafen

Prof. Dr. Gert Krischak verbindet klinische Erfahrung in Orthopädie und Rehabilitation mit wissenschaftlicher Forschung. Sein Schwerpunkt liegt auf konservativen Behandlungsstrategien bei Arthrose und deren Umsetzung in alltagstaugliche Therapiepläne.

Aus Wissen wird ein 100-Tage-Plan

Viele Menschen wissen grundsätzlich, dass Bewegung, Ernährung oder Gewichtsabnahme hilfreich sein können. Schwieriger ist die Umsetzung: Was ist ein realistischer Anfang? Wie oft sollte trainiert werden? Wann wird die Belastung gesteigert? Und wie lässt sich erkennen, ob der eingeschlagene Weg passt?

Der 100-Tage-Behandlungsplan übersetzt die sieben Bausteine in eine nachvollziehbare Struktur. Er setzt auf Regelmäßigkeit, Dosierung und Zwischenkontrollen. Damit wird aus allgemeinem Wissen ein konkretes Vorgehen. Der Plan ist als Hilfe zur Selbsthilfe gedacht - nicht als starres Programm und nicht als Ersatz für medizinische Beratung. Bei ausgeprägten Beschwerden, relevanten Begleiterkrankungen oder Unsicherheit zur körperlichen Belastbarkeit sollte der Einstieg ärztlich begleitet werden.

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Ambulante Rehabilitation als Startpunkt für den 100-Tage-Plan

Das Konzept der Arthrose-Formel lässt sich  besonders gut in der ambulanten Rehabilitation umsetzen. Hier können die verschiedenen Bausteine der Behandlung im Sinne einer multimodalen Therapie gezielt miteinander verbunden werden: Bewegungstherapie und individuell dosiertes Training, physiotherapeutische Übungen, Gewichtsmanagement und Ernährungsberatung, Schmerzbehandlung sowie ärztliche Information und Begleitung.

Die Rehabilitation bildet dabei nicht den gesamten 100-Tage-Plan ab, sondern kann dessen entscheidende Anfangsphase sein. Gemeinsam mit dem interdisziplinären Reha-Team werden realistische Ziele festgelegt, geeignete Maßnahmen ausgewählt und erste Veränderungen konsequent eingeübt. Der Arthrose-Kontroll-Test (ACT) kann helfen, die Ausgangssituation zu erfassen und den weiteren Verlauf sichtbar zu machen.

Entscheidend ist, dass die in der Rehabilitation begonnenen Maßnahmen anschließend eigenverantwortlich und langfristig im Alltag fortgeführt werden. So wird aus einer zeitlich begrenzten Rehabilitationsleistung der Ausgangspunkt für einen nachhaltigen persönlichen Behandlungsplan.